{"id":399,"date":"2023-12-18T10:59:15","date_gmt":"2023-12-18T09:59:15","guid":{"rendered":"https:\/\/isonyx.de\/?p=399"},"modified":"2023-12-23T12:04:54","modified_gmt":"2023-12-23T11:04:54","slug":"baby","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/isonyx.de\/?p=399","title":{"rendered":"Baby"},"content":{"rendered":"(Du bist Ihr Held, sie liebt Dich immer noch \u2026)\n\n\n14. Juni 2009.\nSonntag.\n7:15 Uhr\nWolfsanger. Morgennebel ist weg gewabert. \n\nWer um diese Uhrzeit auf der Stra\u00dfe zu sehen ist, hat entweder einen Hund oder kehrt von der \u2013 wo auch immer verbrachten \u2013 Nacht dahin zur\u00fcck, wo er die Akkus wieder aufladen kann.\n\n<!--more-->\n\nEin Farbiger, auffallend d\u00fcnn, klein, mit leuchtgelber Plastikjacke, ungepflegtem Gruselzopf, kreuzt die Stra\u00dfe, ohne die Fu\u00dfg\u00e4ngerampel zu bet\u00e4tigen. Macht eh keinen Sinn, au\u00dfer mir ist kaum ein weiteres Pkw-Gespann unterwegs.\n\nEin junger Mann mit zusammengekniffenen Augen geht vorsichtig auf dem B\u00fcrgersteig. Rotblonder Nachtbart. Er sieht \u00fcbern\u00e4chtigt aus. Jetzt gerade irgendwie zu klein f\u00fcr seine Klamotten, die gestern Abend mit Sicherheit noch passten. Sein Gesicht ist zwar blass aber \u00fcber der Bl\u00e4sse liegt eine hektische R\u00f6tung, sieht nach der rosa gedunsenen Gesichtsfarbe aus, die im Gesicht aufschl\u00e4gt, wenn man kurz eingenickt war und erschreckt wieder aufwacht.\n\nAmpel.\n\nVor mir ein blitzsauberer Mercedes Benz. C-Klasse. Halbschr\u00e4g stehend gibt die Karosse gelassen den Blick frei auf todschicke Alufelgen. \n\nGegenlicht. Die Sonne direkt von vorn.\n\nDie Schattenrisse im silbernen Statussymbol vor mir betrachte ich genauer. Lange Rotphase.\n\nRechts auf dem Beifahrersitz, ein Pudelk\u00f6pfchen. Kerzengerade. Sieht aus wie friseurverbrochene Minipli oder nat\u00fcrliche Negerkrause.\n\nFahrerseite, hochtoupierter, haarsprayfixierter Pony. Vielleicht ist sie Friseuse? Oder sollte er das wirklich selbst gemacht haben?\n \nDas beginnt mich zu interessieren.\n\nMit meinem Fun-Car rolle ich bei der nur wenige Meter entfernten, ebenfalls roten, Ampel direkt auf Fahrerfensterh\u00f6he und schaue r\u00fcber.\n\n\u00dcberraschung.\n\nEr ist das, was man einen gepflegten \u201e\u00e4lteren Herrn\u201c nennt. Betrachte ich die H\u00e4nde am Steuer und die Stellen seines Gesichtes, die von der Riesensonnenbrille nicht verdeckt werden, ersetze ich \u201e\u00e4lteren\u201c durch \u201everdammt alt\u201c. Aber, gut gehalten. Leichte Segelbr\u00e4une.\n\nUm sein Profil wogt das geahnte Odeur von wirtschaftlicher Unverletzlichkeit. Dieser alte Mann hat sich um alles gek\u00fcmmert. F\u00fcr die Familie gelebt?\n\nKurz nach vorne beugen.\n\nSeine S\u00fc\u00dfe. Junge, Junge. Kerzengerade. Hat sie als kleines M\u00e4dchen Klavier spielen gelernt? Ihrer anmutigen Haltung zur Folge, ja!\nSehr schmales Gesicht. Faltig, klar. Man kann jedoch noch erkennen, dass sie als junge Frau eine Sch\u00f6nheit gewesen sein muss.\n\nSelbst jetzt, im Alter, welches sich ja die B\u00f6sartigkeit heraus nimmt, Gesichtsz\u00fcge grober werden zu lassen, ehemals filigrane Anmut stiehlt, Nasen gr\u00f6\u00dfer und knubbeliger macht und mit dem Erschlaffen der Haut und Gesichtsmuskulatur den ehemaligen Charme der Physiognomie verfremdet, erkenne ich noch sehr genau die Feinheit ihrer Z\u00fcge. Eindeutig \u2013 er hat sich damals die Ballk\u00f6nigin gegriffen.\n\nRadio l\u00e4uft. Nummer 4. Radiobob.\nCrocodile Rock. \u201eI remember when rock was young, me and Susi had so much fun \u2026!\u201c\n\nJetzt!\n\nSie sieht zu ihm r\u00fcber. Auch sie tr\u00e4gt eine Sonnenbrille. Trendy. riesig gro\u00df. Ist derzeit dank Herrn Lagerfeld wieder irre stylisch. Beim Betrachten Ihres Modells allerdings betritt eine Vision meine Seelenb\u00fchne, die mir suggeriert, sie hat diese teure, f\u00fcr den Urlaub gekaufte Brille, schon getragen, als die Kinder noch im Heck des Wagens herumtobten, nervten, n\u00f6rgelten, w\u00e4hrend dessen man vom ersten Geld mit Ausblick auf mehr, in den 60ern an den Gardasee fuhr.\n\nDie Nachbarn waren beeindruckt als sie den W 115 beluden. Sie hatte ihre sch\u00f6nsten Sommerkleider aus dem Schrank geholt, gut, dass sie noch passten. Die Kinder waren komplett neu eingekleidet worden.\n\nMein Gott, wie niedlich sah Petra in dem lindgr\u00fcnen Kleidchen mit dem Rosenmuster aus. Die wei\u00dfen S\u00f6ckchen, die schwarzen Lackschuhe mit einem Riemchen \u00fcber dem Spann. \n\nUnd Michael. Ganz der Vater. In seiner kurzen Stoffhose mit B\u00fcgelnaht stand er bei dem Abfahrts-Foto, was der Nachbar M\u00f6ller f\u00fcr sie knipste, stolz wie ein Spanier neben ihm.\n\nAlle trugen ihre Sonnenbrillen und waren bereit f\u00fcr gro\u00dfe Abenteuer. Ein Teil des Wirt-schaftswunders stand in cremewei\u00df auf ihrem Hof und in die Zukunft blickten sie mit hoffnungsvoller Gewissheit.\n\nSo war es vielleicht 1968.\n\nUnd jetzt? Steht ein C-Klasse-Benz neben mir an der Ampel vor dem Kreisel am Platz der Deutschen Einheit. Daran h\u00e4tte damals niemand zu denken gewagt. Deutschland. Einheit?\n\nSeine H\u00e4nde ruhen links und rechts am Steuer. Sie hat ihm ihr Gesicht zugewendet und legt ihre linke Hand auf seine rechte. Er blickt sie an. Ob er etwas sagt, kann ich nicht sehen. Sie spricht nichts, ihre Lippen bewegen sich nicht, sie l\u00e4chelt.\n\nSo bleibt ihre Hand auf seiner liegen, bis die Ampel auf Gr\u00fcn springt und er betont forsch, mit ein bisschen zu viel Gas, losf\u00e4hrt.\n\nAls ich im letzten Augenblick des Vorbeifahrens hin\u00fcbersehe scheint es so, als habe sein Gesicht weniger Falten als noch soeben, als w\u00e4ren seine H\u00e4nde muskul\u00f6ser, ja, j\u00fcnger geworden. \n\nIn jedem Falle entschwindet aus dem Sicht-Rahmen meines Beifahrerfensters ein sonntagmorgen-\/sonnenverw\u00f6hnter, l\u00e4chelnder, junger Mann, mit seiner blutjungen, verf\u00fchrerischen Liebsten.<p>Views: 284<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Du bist Ihr Held, sie liebt Dich immer noch \u2026) 14. Juni 2009. Sonntag. 7:15 Uhr Wolfsanger. Morgennebel ist weg gewabert. 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